INSIDE Kolumne

KOLUMNE | Das bessere Selbst

KOLUMNE | Das bessere Selbst

Kolumne im Branchenmagazin inside: Outdoor verkauft keine Jacken, sondern ein Selbstbild – und alle spielen mit. Der Möbelhandel hätte das größere Versprechen, ein Zuhause, und behandelt es doch wie Funktion. Über verkaufte Identität.

Kolumne im Branchenmagazin inside: Outdoor verkauft keine Jacken, sondern ein Selbstbild – und alle spielen mit. Der Möbelhandel hätte das größere Versprechen, ein Zuhause, und behandelt es doch wie Funktion. Über verkaufte Identität.

Dieser Beitrag erschien erstmals in meiner Kolumne inside von außen im Branchenmagazin inside (INSIDE Wohnen Verlag)


Das bessere Selbst

von Perry Krell


Neulich stand ich auf einem Wanderweg in den Alpen und hatte kurz das Gefühl, ich sei auf der Maximilianstraße in München gelandet.

Funktionsjacken für 800 Euro. Hightech-Wanderschuhe, mit denen man vermutlich auch den Himalaya besteigen könnte – was die meisten an diesem Sonntag allerdings nicht vorhatten. Und Rucksäcke, die eher nach Expedition als nach Nachmittagsspaziergang aussahen.

Es war ein Schaulaufen. Nur eben nicht aus Leder und Seide, sondern aus Gore-Tex.
Es fühlte sich an wie eine Bühne.

Was mich daran fasziniert: Hier werden Produkte verkauft, die objektiv kaum jemand wirklich „braucht". Niemand benötigt eine Jacke für arktische Bedingungen, um drei Stunden um einen Bergsee zu laufen. Und doch greifen viele genau zu diesen Modellen.

Warum?

Weil Outdoor längst nicht mehr nur Funktion verkauft. Sondern ein Selbstbild.

Ich bin jemand, der draußen ist. Ich bin aktiv. Ich investiere in mich. Ich gehöre dazu.

Die Marken dahinter spielen dieses Spiel meisterhaft. Sie verkaufen keine Jacken. Sie verkaufen eine Version von dir selbst. Und sie schaffen es, diese Version sichtbar zu machen – auf Instagram genauso wie auf dem Wanderweg.

Interessant ist, dass dieses sichtbare Selbstbild kaum Widerspruch erzeugt. Niemand verdreht die Augen, wenn eine High-End-Jacke beim Sonntagsspaziergang getragen wird. Im Gegenteil: Man erkennt sie, ordnet sie ein, vielleicht bewundert man sie sogar ein wenig.

Wenn ich danach durch Möbelhäuser gehe, frage ich mich manchmal: Wo ist dieses Selbstbild geblieben?

Dabei geht es im Möbelhandel eigentlich um etwas Größeres. Kein Produkt für ein Wochenende, sondern Räume für Jahre. Orte für Rückzug, Familie, Gespräche. Ein Zuhause.

Und doch steht im Möbelhaus meist das Produkt im Mittelpunkt. Nicht das Selbstbild.

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied.
Outdoor macht aus Funktion Identität.
Der Einrichtungshandel hat Identität – und verkauft sie manchmal wie Funktion.

Ein Sofa ist kein Möbelstück.
Es ist der Ort, an dem ein Tag endet.

Wenn eine Jacke Abenteuer erzählen darf,
warum nicht auch ein Sofa Geborgenheit?

Auf dem Wanderweg funktioniert das längst.

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