Warum ich nie Inneneinrichterin geworden bin
(Natalia Hundakova ist Art Direktorin bei Krell & Partners und verantwortlich für die visuelle Kommunikation unserer Kunden und unserer Agentur.)
Schon als Kind haben mich Besuche bei Bekannten fasziniert. Mich interessierte, wie sie wohnten. Manche Räume fühlten sich sofort warm und einladend an. Bei anderen überlegte ich, wie sie wohnlicher, harmonischer oder einfach angenehmer wirken könnten. Mit meiner Schwester zeichnete ich immer wieder neue Einrichtungen für unser Zimmer, rückte Möbel hin und her und dekorierte es unzählige Male neu. Diese Faszination hat mich nie losgelassen. Ich wollte verstehen, woran das liegt.
Also wollte ich Inneneinrichterin werden. Räume, Materialien, Licht — das war die Welt, in der ich mich zu Hause fühlte. Ich dachte, mein Beruf würde darin bestehen, Orte schöner zu machen. Heute bin ich Art Direktorin und gestalte keine Wohnungen mehr, sondern Marken für inhabergeführte Möbel- und Einrichtungshäuser. Auf den ersten Blick scheint das etwas völlig anderes zu sein. Für mich aber nicht. Ich mache im Kern noch immer dasselbe.
Denn ich habe früh gelernt, was ein guter Inneneinrichter eigentlich tut und was er gerade nicht tut. Er richtet keinen Raum nach seinem eigenen Geschmack ein. Das ist der häufigste Irrtum über diesen Beruf: dass es darum ginge, den eigenen Stil möglichst überzeugend unterzubringen. Tatsächlich beginnt gute Arbeit mit Zurückhaltung. Mit drei Fragen, bevor überhaupt ein Möbelstück ausgesucht wird.
Wer lebt hier? Wie wird dieser Raum benutzt? Welche Atmosphäre soll entstehen?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, spielen Farbe, Material und Form eine Rolle. Ein Raum, der nur den Geschmack seines Gestalters zeigt, mag beeindrucken. Aber er passt selten zu den Menschen, die in ihm leben. Und was nicht passt, fühlt sich fremd an — genau jenes Zimmer, das einen auf Abstand hält.
Für Marken gilt exakt dasselbe. Nur heißen die drei Fragen dann ein wenig anders. Für wen ist dieses Unternehmen da? Wie begegnet es seinen Kunden, an der Ladentür und in jedem Brief? Und welcher Eindruck soll bleiben, wenn jemand wieder gegangen ist? Wer diese Fragen überspringt und gleich zur Optik kommt, gestaltet zwar etwas aber am Unternehmen vorbei.
Wenn ich zum ersten Mal ein Möbelhaus betrete, schaue ich selten zuerst nur auf die Möbel. Mich interessiert, wie die Mitarbeiter miteinander sprechen. Ob die Pflanzen gepflegt sind. Welche Musik läuft. Ob die Preisschilder ordentlich stecken. Wie die Möbel inszeniert sind – ob sie eine Atmosphäre schaffen, in der man sich sofort vorstellen kann, genau so zu Hause zu leben. Und wie der Inhaber über sein Unternehmen spricht – mit Routine oder mit etwas, das sich schwer vortäuschen lässt.
Deshalb beginne ich, wenn ich für ein Einrichtungshaus arbeite, nicht mit Farben oder Schriften, sondern mit den Menschen. Mit dem Unternehmer, der das Haus oft in zweiter oder dritter Generation führt. Mit den Mitarbeitern, die den Ton im Verkauf bestimmen. Mit der Region, in der das Unternehmen steht und die es geprägt hat. Mit der Geschichte, die sich in Sätzen zeigt, die niemand erfunden hat, weil sie schon da waren.
Aus all dem entsteht nach und nach ein Bild davon, wer dieses Unternehmen ist. Und erst dann fange ich an zu gestalten. Nicht früher.
Ich beschreibe meine Arbeit am liebsten mit einem einzigen Wort.
Gestaltung ist nicht Dekoration. Gestaltung ist Übersetzung.
Sie legt nichts Hübsches über ein Unternehmen, um es ansehnlicher zu machen. Sie überträgt das, was ein Unternehmen im Kern ausmacht, in etwas Sichtbares — in eine Form, eine Farbe, einen Rhythmus, einen Ton. Übersetzen heißt: nichts hinzudichten und nichts weglassen, sondern das Wesentliche in eine andere Sprache bringen, ohne dass es dabei verloren geht. Wer je einen guten von einem schlechten übersetzten Text unterschieden hat, weiß, wie viel Genauigkeit das verlangt.
An dieser Stelle hat sich mein Beruf in den letzten Jahren tatsächlich verändert — nicht im Kern, aber in seiner Ausgangslage.
Das Verrückte ist: Künstliche Intelligenz gehört heute dazu. In wenigen Sekunden erzeugt sie Bilder, die vor zehn Jahren einen ganzen Nachmittag gekostet hätten. Die meisten sehen darin eine Bedrohung. Ich sehe das Gegenteil: sie kann Bilder visualisieren. Sie kann nicht verstehen, wie Menschen leben möchten. Diese Aufgabe bleibt menschlich, sie bleibt mir überlassen.
Denn je selbstverständlicher schöne Bilder werden, desto weniger unterscheiden sie. Wenn alle Zugriff auf dasselbe Können haben, entsteht überall dieselbe glatte, angenehme, austauschbare Oberfläche. Genau da wird das wieder wichtig, was ich als Inneneinrichterin gelernt hätte.
Meine Aufgabe besteht nicht darin, etwas möglichst schön zu gestalten. Meine Aufgabe besteht darin, etwas zu gestalten, das zu genau diesem einen Unternehmen passt und zu keinem anderen. Etwas, das man nicht beliebig auf den Wettbewerber übertragen könnte, ohne dass es falsch würde. Nicht austauschbar. Nicht dem Trend hinterher. Sondern unverwechselbar.
Vielleicht bin ich am Ende doch Inneneinrichterin geworden. Nur richte ich heute keine Wohnzimmer mehr ein, sondern Marken. Der Unterschied ist kleiner, als viele glauben. Denn am Ende geht es in beiden Berufen um dieselbe Frage:
Passt das zu den Menschen, für die es gedacht ist?